Das Thema für den neuen Blogbeitrag ist mir eigentlich zu groß: Nachrichtenwert. Hui. Dazu wurde so viel wissenschaftlich veröffentlicht. Ich habe aber das Gefühl, wenigen ist das wirklich bekannt. Also bin ich jetzt mutig und wage mich an das Thema.
Wenn du Öffentlichkeitsarbeit für deinen Verein oder dein Unternehmen machst, hast du dich vielleicht schon gefragt: Nach welchen Kriterien entscheiden Journalist:innen eigentlich, worüber sie berichten? Als ehemalige Journalist:in will ich dir ein bisschen bei der Antwort helfen. Deshalb liest du zunächst, was diese Kriterien sind und im zweiten Teil in den kommenden Wochen, warum sie für die Pressearbeit relevant sind.
Wonach suchen Journalisten eigentlich Themen aus?
Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich in meinem Medienwissenschaftsstudium eine Hausarbeit zu Nachrichtenfaktoren in der Tagesschau schreiben musste. So heißen nämlich diese Kriterien, die bei der Auswahl von Bedeutung sind. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass in meinen mehr als 10 Jahren bei verschiedenen Medien jemals dieses Wort gefallen wäre.
Es ist viel mehr gelebte Praxis, die weitergegeben wird. In Redaktionssitzungen habe ich noch nie jemanden gehört, der sagt: „Hat die Story genug Nachrichtenfaktoren?“ Sondern die Frage lautet: „Ist das wirklich neu?“ oder „Wen interessiert das Thema?“ Wichtig ist auch: Der Nachrichtenwert ist nicht absolut und keine feste Regel. Subjektive Erfahrungen, Zielgruppen etc. spielen eine wichtige Rolle.
Aber Nachrichtenfaktoren zu kennen, kann der eigenen Öffentlichkeitsarbeit helfen. Und ich finde: Sie hilft auch ein bisschen dabei, Medien besser zu verstehen.
Also lasst uns ins Thema einsteigen. Keine Angst, jetzt kommt keine wissenschaftliche Abhandlung. Aber ein paar Infos um die Entstehung und Bedeutung will ich schon mitgeben.
Deshalb: Was sind diese Nachrichtenfaktoren?
Vielleicht hast du die Zeitung durchgeblättert und dich gefragt: Warum wurde darüber berichtet? Damit bist du nicht allein, auch die Wissenschaft hat sich damit beschäftigt. Entstanden ist dadurch die sogenannte Nachrichtenwert-Theorie. Diese beschreibt Merkmale – Nachrichtenfaktoren –, die ein Ereignis oder Thema berichtenswert machen. Je mehr dieser Merkmale zusammenkommen, desto höher ist der Nachrichtenwert. (Das findest du zum Beispiel zum Nachlesen auch hier: Nachrichtenfaktoren | Medienpolitik | bpb.de ; Veränderung der Nachrichtenfaktoren und Auswirkungen auf die journalistische Praxis in Deutschland)
Meldungen mit höherem Nachrichtenwert haben nicht nur bessere Chancen, dass über sie berichtet wird, sondern es kann auch Einfluss auf das Wie und den Umfang haben. (Quelle: Nachrichtenfaktoren | Journalistikon) Allerdings darfst du dir das nicht als eine objektive Regel vorstellen, sondern eher wie eine Chancenverbesserung. Und Nachrichtenfaktoren sind nicht absolut, sie variieren je nach Medium und Zielgruppe. Sonst würden wir in jeder Zeitung das Gleiche lesen. (Quelle: Nachrichtenfaktoren & Nachrichtenwert ᐅ Liste und Beispiele) Also egal ob Frauenzeitschrift, Automagazine oder Lokalpresse. Wäre komisch, oder? Journalist:innen haben bei der Auswahl der Nachrichten nämlich immer ihre Zielgruppe im Blick. Wenn sie nicht für diese die richtigen Themen finden, sind sie uninteressant.
Was sind nun aber diese Merkmale?
Diese Frage haben sich zahlreiche Wissenschaftler gestellt. Die bekanntesten Arbeiten stammen von den norwegischen Friedensforscher/-innen Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (1965) sowie dem Kommunikationswissenschaftler Winfried Schulz (1976/1990), die jeweils mindestens ein Dutzend Faktoren formuliert haben. (Quelle: Nachrichtenfaktoren | Journalistikon, Nachrichtenwert-Theorie | Kriege und Konflikte | bpb.de ) Diese Faktoren sind sehr präzise gewählt, um sie empirisch untersuchen zu können. Auch in Journalismus-Handbüchern finden sich verschiedene Faktoren (wer es genau wissen will, kann das zum Beispiel sehr detailliert hier nachlesen: Veränderung der Nachrichtenfaktoren und Auswirkungen auf die journalistische Praxis in Deutschland).
Für ein einfaches Verständnis kann man wichtige Nachrichtenfaktoren so zusammenfassen:
Aktualität / Kontinuität:
Aktualität bedeutet, dass das Ereignis neu ist. Sie gilt oft sogar als Grundbedingung eines Nachrichtenwerts. Also neu ist oft die Mindestanforderung an ein Thema. Gleichzeitig gilt: Hat ein Thema einmal die Nachrichtenschwelle genommen, wird auch häufig über dessen Folgehandlungen berichtet.
Nähe:
Wen interessiert der bekannte umgekippte Reissack in China? Genau: Hier niemanden. Das heißt, je näher das Ereignis ist, desto eher ist es berichtenswert. Die Bürgermeisterwahl deines Ortes ist für deine Lokalzeitung sehr relevant. Für die 500 km entfernte Lokalredaktion eher weniger.
Relevanz:
Je stärker Menschen von dem Ereignis und dessen Auswirkungen betroffen sind, desto relevanter ist es auch für die Berichterstattung. Wenn die Zugangsstraße zu deinem Ort gesperrt wird, hat das konkrete Auswirkungen auf dich. Und es betrifft nicht nur dich, sondern auch andere Menschen aus dem Ort. Es hat also eine hohe Relevanz. Diese Einordnung kann aber auch auf der Inhaltsebene erfolgen. Während schwere Verkehrsunfälle es in die lokale Berichterstattung schaffen, sind sie für Wirtschaftsfachzeitschriften nicht interessant. Deren Leser wollen über Geschäftsverläufe, Personalien, Marktgeschichten und Trends informiert werden.
Konflikte:
Hierzu zählen negative Ereignisse wie Krisen, Konflikte, Spannungen und Kriminalität.
Überraschungen:
Außergewöhnliche, unerwartete Ereignisse und auch Kuriositäten fallen unter diese Kategorie. Nehmen wir die vorhin erwähnte Bürgermeisterwahl 300 km weit weg. Wenn die Wahl mit etwas Außergewöhnlichem einhergeht – wenn ein bekannter Entertainer sich zum Beispiel zur Wahl stellt – dann kann ein Ereignis sogar bundesweit interessant sein, obwohl es zum Beispiel den Faktor Nähe nicht erfüllt.
Prominenz:
Das Bürgermeister-Beispiel leitet auch schön zum nächsten Faktor über: Je berühmter die Person ist, desto eher landet sie in den Medien. Wenn der Bundeskanzler an einer Veranstaltung teilnimmt, wird darüber berichtet. Prominenz bezieht sich aber nicht nur auf Personen. Über Ereignisse in den USA zum Beispiel hören wir öfter als über Ereignisse in Ecuador oder Sri Lanka.
Personalisierung:
Geschichten über Menschen und Emotionen fallen in diesen Bereich. Das kann auch zum Beispiel eine Story über einen Gründer, der aus dem Nichts heraus sein Unternehmen aufgebaut hat sein.
Umsetzbarkeit in Bildern:
An sich ist das kein klassischer Nachrichtenwert. Du wirst ihn nicht in den ursprünglichen Nachrichtenfaktoren finden, allerdings wurde zum Beispiel im Lehrbuch „Journalismus“ von Stephan Ruß-Mohl das Kriterium aufgenommen. (nachzulesen bei: Veränderung der Nachrichtenfaktoren und Auswirkungen auf die journalistische Praxis in Deutschland, S. 24/25) Für die Praxis deiner Pressearbeit kann dieser Faktor hilfreich sein, denn Journalisten sind durch die Online-Entwicklung bei der Berichterstattung immer mehr auf Bilder angewiesen. Für die eigene Pressearbeit kann das heißen: Schreib nicht nur einen Text, sondern schicke auch gute Fotos mit.
Ganz schön viel Input für einen Beitrag. Du willst wissen, wie dir das nun in deiner Öffentlichkeitsarbeit helfen kann? In meinem nächsten Blogbeitrag erfährst du mehr.
Und bis dahin: Kanntest du Nachrichtenfaktoren? Wenn ja, würdest du die gleiche Auswahl wie ich treffen? Lass uns darüber bei Insta oder LinkedIn quatschen.

